Fujoshi kommen in den Himmel, normale Mädchen überall hin?

Der japanische Begriff Fujoshi bedeutet „dreckiges/verdorbenes Mädchen“ und steht für eine Subkultur innerhalb des Fandoms von Anime/Manga, welches sich ja in verschiedenste Sparten aufteilen lässt. Fujoshi sind, um es ganz platt auf den Punkt zu bringen, weibliche Fans von Yaoi/BoysLove-Manga. Und was ist Yaoi? Pornographische Manga über homosexuelle Beziehungen zwischen Männern. Auch innerhalb des Anime-Fandoms sind LiebhaberInnen dieses Genres Anfeindungen ausgesetzt, ganz zu schweigen von Szenefremden Leuten.

Szene aus \"Fujoshi Rumi\"

Die ersten sogenannten BL-Mangas erschienen in den 70er Jahren. Bis dahin wurden Mangas, auch solche für Mädchen, hauptsächlich von Männern gezeichnet. Weibliche Zeichnerinnen drangen also in eine bis dato männliche Domäne vor und bemächtigten sich auch der erotischen bzw. pornographischen Aspekte des Manga. Mit der Zeit entstanden eigene Boyslove-Zeitschriften, die jedoch bis heute eine sehr kleine Auflage (kaum mehr als 100.000 Stück in Japan) haben. Weitaus bedeutsamer für die Produktion von BL-Mangas waren und sind bis heute sogenannte „Doujisnhi“, also von Fans für Fans gezeichnete Manga, kurz gesagt: Fanzines. Diese unterliegen einerseits keinen Normen die vom Verlag auferlegt werden, andererseits ist der Markt für BL wie gesagt sowieso sehr klein, mit wenig Aussicht auf Profit.

Um euch den Themenkomplex „Fujoshi“ mal in einer Kurzfassung näherzubringen, hier ein etwa 10minütiger Trailer der Doku „The fragile heart of Moe“. Für das weitere Verständnis dieses Blogeintrag empfehle ich stark, sich ihn anzusehen.

Wir haben es in diesen paar Minuten schon gesehen, es ist für viele Frauen nicht leicht zuzugeben, dass sie auf BL-Manga stehen. Während Porno-Konsum bei Männern schon als „normal“ erachtet wird, wird er in der Mainstream-Gesellschaft bei Frauen immer noch tabuisiert. Noch schlimmer wird es, wenn

a.) Pornographie gezeichnet ist, da wird jemand schnell mal als „Freak“ bezeichnet.

b.) Frauen die Produktion ihrer Pornographie selber in die Hand nehmen. Ich habe in meiner Zeit als aktiver Fan und Otaku selten so viele herablassend-sexistische Bemerkungen erlebt, wie gegen BL und Fujoshi. Da wird sich in Internetforen ganz wie am Stammtisch gegenseitig auf die Schulter geklopft, primitive Schenkelklopfer gerissen usw. Ein respektvoller Umgang allein schon innerhalb der Otaku-Szene sieht anders aus, ganz zu schweigen von den „Normalos“.

Die Scham und die Selbstzweifel gegenüber der eigenen sexuellen Präferenz und thematisiert so gut wie jeder Anime, Manga oder Film über Fujoshi. Besonders tricky wird es dann, wenn die Fujoshi-Protagonistin einen Freund/Liebhaber hat, welcher ganz und garnichts mit den „dreckigen Mädchen“ anfangen kann. Einen (wenngleich parodistischen) Einblick in eine solche Situation Film „Fujoshi Kanojo“. Er basiert auf einem immens erfolgreichen Blog eines jungen Japaners, der über das Um und Auf seiner Beziehung zu einer Fujoshi schreibt. Die Geschichte auch als Manga umgesetzt, welcher unter dem Namen „Akihabara Shoujo“ auf Deutsch erhältlich ist. Die größte Angst von Yoriko, der Fujoshi, ist es dass ihr Freund sie verlässt, da sie halt ein „perverser Freak“ ist und er sich eine „normale“ Freundin angelt.

Szene aus \"Fujoshi Kanojo\"
Szene aus „Fujoshi Kanojo“

„Fujoshi“ ist eine selbstbezeichnun von BL-Fans, dass sie „dreckiges Mädchen“ bedeutet, impliziert jedoch nicht nur einen Mangel an Selbstbewusstsein, sondern auch das stolze vor-sich herttragen der eigenen Freakigkeit. Ich stelle mal so in den Raum, dass es sich hierbei klar um weibliche, noch dazu sexuelle Selbstermächtigung handelt. Diese passiert mittlerweile nicht nur auf der medialen (mittels Doujinshi) und ideellen („Fujoshi-Ethics“) Ebene, sondern auch ganz einfach mittels physischer Raumnahme. Yaoi-Fanconventions und sonstige Fujoshi-Treffen sind ein Teil davon, einer der Höhepunkte ist aber sicher die in Tokyo ansässige „Otome Road“. Eine kleine Einkaufsmeile, deren Geschäfte sich speziella auf Fujoshi-Items spezialisiert haben. Hier ist es für Fujoshi möglich ihrem Hobby nachzugehen, ohne sich von „Normalos“ anstänkern lassen zu müssen bzw. Auch von männlichen Otakus.

Szene aus \"Fujoshi Rumi\"

Im Trailer zu „The fragile heart of Moe“ wurde es durch altmeisterin Moto Hagio ja schon angesprochen: Sie sieht Yaoi als Mittel, aus gesellschaftlichen sexuellen Normen auszubrechen. Wie wird dieser Ausbruch mittels Yaoi nun vollzogen?
Zuerst mal möchte ich mal auf die Ästhetik der meisten männlichen Charaktere im BL-Genre eingehen. Diese ist meist SEHR feminin. Dünne, schlaksige und große Körper. Auf allzu muskulöse und „harte“ Männer wird verzichtet. In Japan gilt das Sprichwort „er ist schön wie eine Frau“, feminine männer sind bis heute ein Schönheitsideal. Die japanische Realität schaut natürlich anders aus: Strukturelle Benachteiliung der Frau, Machismus, sehr harte gesellschaftliche Verhaltensnormen für Frauen. Die sollen idealerweise „lieb und nett“, jedoch keinesfalls aufmüpfig und goschert sein. Männer hingegen müssen „hart“ sein, müssen den Ernährer spielen und sich selbst beweisen. Ein femininer, einfühlsamer Yaoi-Typ, steuert diesem männlichen Stereotyp halt schon stark entgegen und ist wohl auch deswegen die ein oder andere Fantasie wert.

Yaoi-Beziehungen laufen meist nach dem Schema F ab. Es gibt fast immer einen Dominanten, genannt Top“ bzw. „Seme“ und als Counterpart den Unterwürfigen, Bottom oder „Uke“ genannt. Der Uke, also der Unterwürfige sträubt sich meistens gegen die Beziehung bzw. Gegen den Sex und der Seme, also der Top, verführt ihn bzw. macht ihn sich anders gefügig. Die Darstellung ziemlich harter Vergewaltigungsszenen ist selbstredend Gang und Gäbe.

Frauen spielen in diesem Setting keine Rolle. Das patriarchale Motiv des „Frauen klarmachens“ und des „sie will eh“, das in unserer Gesellschaft leider normal ist und in letzter Konsequenz dazu führt, dass sexuelle Gewalt alltäglich ist, wird im Yaoi auf Typen umgelegt. Obwohl eine solche Darstellung auch problematisch sein kann, will ich mal auf den emanzipativen Aspekt davon eingehen: Frauen schaffen es, sexuelle Gewaltvehältnisse zumindest fiktiv dahingehend zu ändern, dass ihnen selber nichts passiert. Außerdem: Wenn Frauen im Anime/Manga als Sexobjekte herhalten müssen, wieso denn nicht auch Männer?
Die Befreiung vom sexuellen Dualismus „Mann/Frau“ ist im Yaoi-Genre ebenfalls etwas, über das noch stundenlang referiert werden könnte. Doch dies würde jeglichen Rahmen des Artikels sprengen, als Denkansatz sei es aber mal dahingerotzt.

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1 Antwort auf „Fujoshi kommen in den Himmel, normale Mädchen überall hin?“


  1. 1 Ri 05. April 2012 um 12:28 Uhr

    Sehr interessanter Eintrag; ich war auch bei dem Vortrag dabei, gut, hier nochmal alle Referenzen (wie etwa das Interview mit Hagio Moto) zu finden.

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