Magical Girls: Alles nur fauler Zauber?

Minky Momo

So ziemlich alle von euch kennen Sailor Moon, davon gehe ich einmal aus. Nicht ganz so viele Leute wissen jedoch, dass es hunderte ähnliche Serien gibt, die sich alle dem Genre „Magical Girl“ zuordnen lassen. Zwar ist das Korsett dieses Genres doch sehr eng, es gibt jedoch auch Serien, in die sich feministische Positionen zumindest hineininterpretieren lassen können.
Weiters kam dieses Jahr mit „Puella Magi Madoka Magica“ ein Anime heraus, der die Grenzen des Genres auf tolle Art und Weise gesprengt hat und der sich lohnt, näher beleuchtet zu werden.

Und ausserdem: Was hat Sailor Moon mit Homosexualität zu tun??

Magical Girl Animes haben, ähnlich wie amerikanische Superheldencomics, ein relativ simples Konzept:

Die Huptbestandteile sind:

– Ein kleines Mädchen (im Alter zwischen 8 und 14) bekommt Zauberkräfte, um gegen das Böse zu Kämpfen.
- Ihr zur Seite steht so gut wie immer ein tierisches Maskottchen, bei Sailor Moon war’s zB. Luna, die Katze. Die Viecher sind schließlich in der Zweitverwertung gut als Plüschtiere unters Volk zu bringen.
– Die Transformation. Dies ist das allerwichtigste MG-Element, die sehr aufwändig gestaltete Transformationssequenz, in der aus dem kleinen Mädchen eine (oftmals erwachsene) Heldin in dementsprechendem Outfit wird.

Daneben tauchen auch immer wieder andere Motive auf:

– Der Charakter der Heldin ist meistens der des „Mädchens von Nebenan“, sie ist kein Superstar, hat ihre Schwächen, ist ein wenig tollpatschig. Insgesamt keine Über-Heldinnenfigur, sondern jemensch aus dem Alltag, mit dem sich die meistens sehr jungen Zuseherinnen auch identifizieren können.
– Die Heldin macht im Laufe der Serie eine Charakterliche Entwicklung durch, wird selbstbewusster.
– Wenns sowas wie eine „Moral von der Geschichte“ im MG-Genre gibt, kann diese auf Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt runtergebrochen werden.

Magical Girl richtet sich seit Jeher an die Zielgruppe vorpubertierender Mädchen. Da der Großteil der Serien im Grunde genommen Kommerzware für ein möglichst breites Publikum ist, sind Experimente naturgemäß sehr rar. Kontroverse Inhalte bzw. allzu arge Ausbrüche aus dem engen Genre-Korsett könnten zu einem Abwandern von ZuseherInnen führen. Deswegen hat sich das MG-Konzept in all den Jahren seines Bestehens auch kaum gewandelt und man muss schon sehr genau schauen um Veränderungen bzw. kritische Momente zu finden. Aus antisexistischer Sicht sind werden deswegen auch haufenweise konservative Inhalte vermittelt:

– Die Hauptsorge der Heldin im Alltag sind nicht etwa die Bösen, sondern, tja, die Typen. Meistens jagt sie irgendwelchen Schönlingen hinterher und macht sich Vorwürfe, dass sie „zu schlecht“ sei, die Typen zu ergattern.
– Außerdem kommt sie meistens aus einem klassisch-konservativen Vater/Mutter/Kind-Haushalt. Ihr Wunsch ist es, in Zukunft auch eine Bilderbuchfamilie zu führen.
– Das Outfit der Heldin nach der Transformation ist oft eines, das einen sexuellen Schuldmädchen-fetisch reproduziert. Sprich: kurzer Rock, auch sonst oft recht wenig an. Stellt sich die Frage, was Fleischbeschau mit dem Kampf gegen das Böse zu tun hat… Jedenfalls steht der Typ in den die Heldin verschossen ist oft auf ihr Alter ego…

Aus profeministischer Sicht gibt es im MG jedoch auch Elemente, die hervorzuheben sind.

– Frauen und Mädchen brechen aus einer passiven Rolle aus, machen sich gegenseitig stark, werden als Kämpferinnen zu aktiv handelnden Personen.
– Typen kommen meistens nur als Nebencharaktere vor. Dies vermittelt der Zielgruppe, dass sie nicht auf Männer angewiesen sind um im Leben zurechtzukommen.

Geschlechterkonstruktionen und Homosexualität im Magical Girl am Beispiel Sailor Moon

Experimente innerhalb des MG-Genres sind wegen der stark kommerziellen Ausrichtung und der größtenteils jungen Zielgruppe rar gesät. Am meisten Spielraum scheint es noch in der Darstellung sexueller Normen zu geben, welche oft überwunden werden.
Gleichgeschlechtliche Beziehungen und Charaktere, bei denen das Geschlecht nicht klar erkennbar sind, sind in Animes und Mangas, die sich an Mädchen und Frauen richten, keine Seltenheit. Eine homosexuelle Emanzipation, verbunden mit der sichtbarkeit von Homosexualität im öffentlichen Raum, findet in Japan erst seit den 90ern statt. Einzig in Mangas und Animes war Homosexualität immer Teil der Stories, wohl auch, weil die starke fiktionalität der Anime/Manga-Stories eine genug weite Distanz zum Alltag schuf.
Sailor Moon ist voll von Gender-Bendering und Homosexuellen Beziehungen. Und während die Darstellung dieser Beziehungen in Japan eigentlich kaum kontrovers diskutiert, sondern eherals „normal“ empfunden wurde, ging man im Rest der Welt zur Zensur über.

Schwule Beziehungen:
Die erste offen Schwule Beziehung findet man bei den Bösen, in diesem Fall bei Zoisite und Kunzite. In der Deutschen Fassung wurden allzu eindeutige Textpassagen entschärft, Zoisite wird von einer Frau Synchronisiert und wenn irgendwie wird nie so richtig klar, ebs nun Männlein oder Weiblein is…

Kunzite Zoisite Kissin
Ein Yaoi-Fanart von Kunzite :-)

Ab Folge 128 taucht dann noch der Charakter Fischauge (ebenfalls ein Böser) auf. Fischauge ist in keiner Beziehung, ist aber über die Staffelhinweg immer wieder an verschiedenen Männern interessiert; so auch unter anderem an Mamoru Chiba. Weiterhin ist Fischauge ein offener Cross-Dresser und gibt oft vor eine Frau zu sein, um Männer in die Falle zu locken und ihnen anschließend den Traumspiegel entreißen zu können. Auch Fischauge wird in der deutschen Fassung der Serie als Frau dargestellt, doch anders als bei Zoisite, bei dem die Zensur ein bewusster Schritt war, ist hier stark anzunehmen, dass es sich hierbei um einen unbeabsichtigten Fehler in der Übersetzung handelt. Hierfür spricht, dass die Beziehung von Neptun und Uranus zu dem Zeitpunkt der Serie bereits offen dargestellt wird und Fischauge an einigen wenigen Stellen auch in der deutschen Synchronfassung als ein „er“ bezeichnet wird.


Fischauge

Lesbische Beziehungen:
Sailor Uranus und Sailor Neptun sind die einzigen beiden offen lesbischen Sailor Kriegerinnen. Ihre Beziehung ist in der Serie keiner großen Entwicklung unterworfen, vielmehr werden sie seit ihrem ersten Auftreten als Paar dargestellt – auch in der Deutschen Version. Jedoch wurden auch hier einige Textpassagen enschärft und Haruka, die burschikose der beiden, wird ein paar mal als „er“ bezeichnet…

Harukamichiru

Die meiner Meinung nach weitaus interessantesten Charaktere sind jedoch die Sailor Starlights, welche erst in der letzten Staffel auftauchen. Drei Sailor Kriegerinnen von einem anderen Planeten, die auf der Erde nach ihrer Prinzessin suchen. Tja, und auf der Erde geben sie sich als Männer aus, und werden als Boygroup sogar zu Popstars. Einzig dann, wenn sie sich verwandeln, werden sie wieder zu Frauen. Ein Mitglied der Starlights, Seiya, verliebt sich in Bunny, diese himmelt Seiya jedoch an, weil er eben der tolle Boygroup-Typ ist…

Wie auch immer, ich zeige euch mal die Transformation der Sailor Starlights, welche ein schönes Beispiel des weit verbreiteten Crossdressing im Anime ist.

Ich habe bisher nur die Veränderungen in der Deutschen Version erwähnt, die trotz einiger Schnitte doch recht nah am Original ist. Viel schlimmer wird es bei anderen Versionen, beispielsweise bei der US-Amerikanischen oder Französischen, wo das Geschlecht der homosexuellen Charaktere umgekehrt wurde. Und wie es bei der Indonesichen Version ausschaut, in der die Sailor Kriegerinnen für Allah Kämpfen, wär auch interessant zu wissen…

Gepaart mit dem konservativen, patriarchalen Weltbild das Sailor Moon streckenweise liefert, gibt’s insofern schon mal Diskussionsstoff bzw. zumindest Gründe, sich eine der beliebtesten Animeserien der Welt nochmal ein wenig genau anzuschauen…

Erwachsenwerden von Magical Girl

Die Serien werden älter, somit auch ihre Fans. In Japan gibt es mittlerweile viele „erwachsene“ Magical-Girl Serien, wobei sich dieses Attribut oft an der Anzahl der nackten Brüste und Pantyshots ableiten lässt… Die erste MG-Serie, die sich eine signifikante erwachsene Fanbase erarbeiten konnte war Magical Princess Minky Momo. Was unterschied Minky Momo von anderen MG-Serien? Nun, vor allem viele Anspielungen, bzw. Gags auf bestimmte Popkulturelle Erzeugnisse: Filme, Musik, Werbungen, Animes. Minky Momo kam 1982 heraus, also genau in der Zeit als Animes sich einen großen Markt für erwachsene Nerd/Otakus sichern zu begannen.

Heute gibt’s diesen „erwachsenen“ Nischenmarkt für Freaks immer noch und „Magical Girl Lyrical Nanoha“ war einer der ersten „ großen“ MG-Serien für erwachsene und ich bezeichne ihn mal ganz ungeniert als einer der Stützpfeiler für das Entstehen von Madoka. Zum einen wird die Magical Girl-Rezeptur ganz strikt eingehalten: Junges Mädchen, Zauberkräfte, der Kampf gegen das Böse und ein tierisches Maskottchen. Erstmals wird mit Fate Testarossa eine böse Gegenspielerin eingeführt, bei welcher sich im Laufe der Serie entpuppt, dass sie mit Gewalt zu ihren Taten gezwungen wird. Fate ist also eines der ersten „bösen“ Magical Girls, welches noch dazu nachvollziehbare Motive für ihr Handeln hat – also Angst vor Gewalt, da sie in einer Art sklavenähnlichem Verhältnis mit ihrer Chefin ist. Anyway, Nanoha schafft es unterm Strich nur ansatzweise jenes Potential aus dem Genre herauszukistzeln, welches Madoka schafft. Es bleibt halt eine Moe-Show für einsame Otakus, da sind genresprengende Elemente bzw. Experimente nicht gerne gesehen.

Nanoha
Nanoha

Puella Magi Madoka Magica

Die 12teilige Serie wurde in Japan das erste mal diesen Januar ausgestrahlt und mauserte sich zu einem DER Anime-Hits, über die sicherlich noch in Jahren gesprochen wird. Madoka enthält auf den ersten Blick alle Zutaten eines Magical Girl-Animes. Junge Mädchen, Transformationen und den Kampf gegen das Böse. Der Schmäh bei der ganzen Sache: Im Laufe der Serie wird klar, dass hier das MG-Genre komplett auf den Kopf gestellt wird. Madoka ist nicht einfach eine lebenslustige Teenagerin, welche Jungs und Spaß im Kopf hat, zusammen mit der glücklichen Familie in einem Einfamilienhaus lebt und für die Liebe Kämpft. Nein, das Magical Girl-Dasein bedeutet für die Protagonistinnen vor alle eine Gefahr für Leib und Leben. Sie handeln nicht selbstbestimmt, sondern nehmen für ihre Zauberkräfte den Verlust ihrer Freiheit in Kauf. Die MG-übliche Trennung zwischen dem normalen Alltag und dem Kampf gegen Monster wird komplett aufgegebeben.

madokaa

Brutalität, psychische Breakdowns und Borderline-Verhalten sind Charakterzüge, die so in einer MG-Serie noch nie zu sehen waren. Die „glückliche Familie“ mit der Hausfrauen-Mutter und dem arbeitenden Vater gibt es ebenso nicht (sondern umgekehrt, die Mutter geht arbeiten!). Insgesamt eine Serie, die wie viele Animes, sehr stark von Symbolik und Emotonalilität lebt und glücklicherweise Stoff zum Diskutieren und Philosophieren bietet.

Achja, eine Warnung noch: Lasst euch auf keinen Fall von der ersten Folge abschrecken, diese reproduziert das übliche MG-Konzept noch sehr stark. Erst ab Episode 2 geht’s so richtig los. Viel Spass jedenfalls damit :)

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4 Antworten auf „Magical Girls: Alles nur fauler Zauber?“


  1. 1 Jiro 22. August 2011 um 21:54 Uhr

    Ich hab seit langem durch Madoka wieder zu Magical Girl gegriffen und hab keine Minute bereut. Jetzt bin ich schon so verrückt danach, das ich das Madoka Doujin Game mit meinen Freunden die ganze Zeit Spiel ^^
    Danke für den Beitrag!

  2. 2 Administrator 23. August 2011 um 15:49 Uhr

    Na, da sag ich mal danke für den Tip mit dem Doujin-Game, die Videos davon machen jedenfalls Lust auf mehr!

  3. 3 Jiro 24. August 2011 um 21:38 Uhr

    Gerne. Ich poste dir und den anderen Lesern mal einen Link zum Game. Ist erst vor kurzem auf der Comiket 80 erschienen.

    http://www.play-anime.net/anime-pc-games/mahou-shoujo-madoka-magica-grief-syndrome-doujin-game.html

    Viel Spaß damit

  4. 4 Otep 22. September 2011 um 22:04 Uhr

    ich war zwar noch nie wirklich ein fan von diesem genre, aber war einmal wieder ein interessanter post. eine so ernsthafte/kritische beäugung der themen in anime sollte es echt öfters geben!

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