Prinzesschen und Kitsch.

Gibt es eigentlich so etwas wie explizit feministische Animes?
Ja, gibt es!
Und was können die so?
Viel, mensch muss bei bestimmten Sachen nur hinter eine recht banale Fassade gucken!
Und wie geht das?
Indem du dir ein paar Beispiele rauspflückst und sie dir erklären lässt!
Und was erklärst du mir da jetzt?
Utena, Lady Oscar, Ribon no Kishi und ein paar andere Animes.

Die meisten Leute, welche sich nicht bzw. nur oberflächlich mit Animes befassen, sagen oft, Animes seien sexistisch. Die Darstellung von Frauen als großbrüstige Sexualobjekte in kurzen Röckchen, welche einem männlichen Hauptcharakter nachrennen sei repräsentativ für das gesamte Medium. Ist sie natürlich nicht.
Ja, es stimmt: Ein ganz großer Teil aller produzierten Animes hat ein männliches Publikum als Zielgruppe, welches das oben beschriebene stereotype Frauenbild oft auch unterstützt. Die meisten Anime-DVDs werden, sowohl in Japan als auch außerhalb, immer noch mit recht seichten, sogenannten Fanservice-Animes gemacht. Jedoch unterscheiden sich Animes hier nicht wirklich von anderen Medien. Das Vorurteil, Animes stellen Frauen nur als leichtbekleidete Dumpfbacken dar, ist nicht nur dumm, sondern verstellt vor allem auch den Blick auf die große Menge an Animes bzw. erst recht Mangas die zumindest Versatzstücke feministisch-emanzipativen Handelns erkennen als auch reininterpretieren lassen. Seien es nun starke weibliche Hauptcharaktere, die Darstellung von Männern, Aufhebung und Umkehrung von Geschlechterrollen usw. usf. .

Ich werd mich aber, ums nicht zu umfangreich zu machen, nur auf ein paar wenige Beispiele konzentrieren. Den japanischen Animations-Underground, welches sich der kapitalistischen Marktlogik in vielen Bereichen entzieht, lass ich mal komplett weg. Der Fokus liegt auf dem Mainstream.

Der wohl einzige ganz explizit feministische Anime ist von allen, die ich vorstellen werde wohl auch der am wenigsten bekannte. Es geht um

PRINCESS ARETE

Princes Arete aus dem Jahr 2001 ist die Adaptierung des Märchens „The Clever Princess“ der britisches Autorin Diana Coles. Im Märchen geht es kurz gesagt darum, dass eine Prinzessin vom König in einen Turm gesperrt wird, wo sie auf ihren „echten Prinzes“ wartet. Anstatt sich jedoch ihrem Schicksal als royale Gebärmaschine zu ergeben, geht sie ihren eigenen Weg, bricht aus dem Turm aus usw.

„The Clever Princess“ ist bis heute eines der bekanntesten feministischen Märchen für Kinder. Doch wie kommt es, dass so ein Stoff, der eigentlich recht schwer kommerziell verwertbar ist, eine Anime-Adaption erhält? Nun, zum einen ist es ein Märchen für Kinder, es arbeitet also sehr viel mit Symbolik und Andeutungen, ähnlich wie auch Fabeln eine Moral haben. Dies kommt dem Medium Anime zugute, welches wegen seiner starken kommerziellen ausrichtung oft auf allzu explizite Aussagen verzichtet und sich deswegen eben auf Symbolik beschränkt.
Zum anderen ist es das Werk einer der wenigen Frauen im Anime-Biz, welche es in die Chefetagen geschafft haben. Eiko Tanaka heisst sie und ist sie die Chefin des Zeichenstudios „C 4“. Das Studio wurde von Animatorinnen und Animatoren gegründet, welche den kreativen Beschränkungen der meisten anderen Studios entfliehen wollten und ist heute bekannt ist als eines der innovativsten und Experimentierfreudigsten in Japan, wenn nicht sogar weltweit.
Zudem arbeitete Eiko Tanaka auch in höheren Positionen beim legendären Studio Ghibli, welches ebenfalls für seine Animes mit emanzipativen Inhalt bekannt ist.
Dies führt uns gleich mal zum nächsten Punkt.

Nämlich zum erwähnten

STUDIO GHIBLI


Nausicaä – einer der wohl eindrucksvollsten emanzipierten weiblichen Charaktere aus einer Ära, als Anime gerade erst „erwachsen“ wurde.

Wer Studio Ghibli nicht kennt, der sollte dies schnellstmöglich nachholen. Es ist DAS japanische Animationsstudio, bei uns ist es durch den Film „Chihiros Reise ins Zauberland“ bekannt geworden, nachdem dieser vor einigen Jahren den Oscar für den besten Animationsfilm gewonnen hat.
Der Name “Ghibli“ ist in einem Satz zu nennen mit dem Regisseur Hayao Miyazaki, sowas wie der Gottkaiser des Anime. Miyazaki beteiligte sich in den 60er Jahren als Anführer der AnimatorInnengewerkschaft an militanten Protesten und bezeichnete sich lange Jahre selber als Marxisten. Zudem bezeichnet er sich selber als Feminist und kritisiert in Interviews immer wieder aktuelle, sexistische Entwicklungen im Anime-Biz.

So gut wie alle Filme Miyazakis haben sehr, sehr starke weibliche Hauptcharaktere. Ihre Motivation ist es nie, einen Mann abzubekommen. Außerdem wehren sie sich aktiv gegen männliche Gewalt, wobei sie sich auch oft mit anderen Frauen verbünden. Männer sind in Miyazakis Filmen oft lernfähig und selbstreflektiv.
Achja – und natürlich gibt es auch „Böse“ Frauen in Miyazakis Filmen, was den Verdacht schonmal entkräftet, Miyazaki würde Frauen ganz ritterlich-lächerlich auf ein Podest stellen.

Als nächstes möchte ich auf zwei Animes zu sprechen kommen, die mehr oder weniger als Vorläufer des heutigen Utena-Films anzusehen sind. Der erste ist schon ziemlich alt (1967), heisst „Ribon no Kishi“ die Mangavorlage ist aus den 50ern. Ribon no Kishi ist auch einige male auf deutschen TV-Sendern zu sehen gewesen, unter dem Namen „Choppy und die Prinzessin“. Auf Wikipedia hab ich ne gute Zusammenfassung des Inhalts gefunden:

Prinzessin Saphire ist das einzige Kind der Königsfamilie des mittelalterlichen Reiches Silverland. Damit das Reich dennoch einen Erben hat, wird sie als Junge großgezogen, doch im Privaten lernt sie trotzdem, sich wie ein Mädchen zu verhalten. Doch neben dieser Tatsache bekam sie bereits vor ihrer Geburt fälschlicherweise die Seele eines Jungen „zugewiesen“.
So muss sie ständig zwischen beiden Rollen eines schwertschwingenden Prinzen und der wohlerzogenen Prinzessin wechseln. Doch bald versuchen Duke Jeralmin und Baron Nylon, ihre Identität als Mädchen zu offenbaren, um selbst den Thron zu übernehmen. Zudem versucht eine Hexe, Saphire ihre Weiblichkeit gänzlich zu rauben. Nachdem ihr Vater stirbt und ihre Mutter in den Kerker geworfen wird, muss Saphire fliehen und bekämpft Jeralmin und Nylon aus dem Untergrund. Dabei verliebt sie sich auch noch in den Prinzen Franz Charming. Doch schließlich gelingt es ihr, den Thron zurückzuerobern und sie heiratet den Franz Charming. Dabei lässt sie sich ihre männliche Seele entfernen, um zur „richtigen“ Frau zu werden.


Ribon no Kishi

Hier sieht man schon einige Motive, die auch in Utena wiederverwendet werden:
Geschlechterrollen werden infrage gestellt
Es geht um die Prinzessin, welche gegen Normen verstößt bzw. verstoßen muss ihre „männliche“ Identität zu wahren
Die Bildsprache orientiert sich stark nach kleine-Mädchen-Klischees. Ritter auf weißen Rössern, Prinzessinen, Rosen usw.

Einer der größten Einflüsse für Ribon no Kishi war das Takarazuka-Theater aus Tokyo, in dem ausschließlich Frauen auf der Bühne stehen. Die dargebotenen Stücke sind oftmals vollgepackt mit Kitsch und Herzschmerz. Ribon no Kishi war immens erfolgreich und inspirierte eine ganze Generation junger Frauen und Mädchen, sich mittels Mangas auszudrücken.

Eine davon war die junge Studentin Riyoko Ikeda. 1967 veröffentlichte sie ihren ersten Manga, damals war sie schon Mitglied im kommunistischen StudentInnenverband Japans und engagierte sich in verschiedenen sozialen Bewegungen. Ikedas bekanntestes Werk ist „Die Rosen von Versailles“, welches im deutschen TV unter Titel „Lady Oscar“ lief. Die Geschichte spielt in Paris, kurz vor der französischen Revolution. Die Hauptfigur ist Oscar Francois de Jarjayes, die sechste Tochter eines Generals. Da der General sich einen Sohn wünscht, der in seine Fußstapfen tritt, nennt er sein Kind „Oscar“ und lässt das Mädchen wie einen Jungen erziehen. Früh lernt Oscar die Kunst des Fechtens und Reitens, und schon mit 14 Jahren führt sie die königliche Schlosswache. Sie begleitet die junge Marie Antoinette zum Hofe von Versailles und wird dort eine enge Vertraute von ihr.

Die weitere Geschichte dreht sich natürlich auch um die Revolution, um die im damals herrschende Ungerechtigkeit in Frankreich und vor allem um Oscar selber. Diese ist hin und hergerissen zwischen ihren Geschlechterrollen, eine Liebesgeschichte spielt bei alledem natürlich auch mit.


Lady Oscar

Die Parelellen zum oben erwähnten „Ribon no Kishi“ fallen sofort auf: Auch bei den Rosen von Versailles ist das Leitmotiv eine junge Frau, welche sich nicht in die gesellschaftlich vorgegebene Frauenrolle einfügen kann und will. Das Setting ist ebenfalls ein „Royales“. Die Bildsprache bedient sich ebenfalls eines weißen Ritters (der hier weiblich ist), Prinzessinnen und Rosen. Tja, Rosen sind bei beidem gerade erwähnten Werken sowieso das Nummer 1 – Symbol. Auch in Utena gibt’s Rosen noch und nöcher.

Falls ihr euch den Utena-Movie anschaut, behaltet euch einfach ein paar Sachen im Kopf.
Also erstmal, dass Utena auf einer lange Tradition des Genger-Bendering im japanischen Mädchenmanga aufbaut.
Dann die Tatsache, dass der Film nicht einfach Entertainment ist, sondern Symbolik und Andeutungen die Raum für Interpretation lassen, Stützpfeiler von Utena sind.
Das ganze ist ein kommerzieller Anime für eine ursprünglich relativ junge Zielgruppe von Mädchen. Dafür meistert er seine feministische Aufgabe richtig gut.


„Utena“ ist DIE Überspitzung der Prinzessinen-Symbolik, führt diese absurdum und dekonstruiert sie.

Der Beitrag stellt eine editierte Version des Implusreferates dar, welches am 20.3.2011 beim „Feministischen Animeabend“ gehalten wurde.

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